Triggerwarnung

Alle meine Storys beinhalten diverse Trigger.

Dies können sein:

  • explizite Erwähnung körperlicher, seelischer oder sexualisierter Gewalt
  • Krieg
  • Suizid
  • Essstörungen und Süchte (Alkohol, Drogen, Zwänge etc.)
  • Selbstverletzung
  • Rassismus, Sexismus, Homo-/Inter-/Transfeindlichkeit, Ableismus, Altersdiskriminierung, weitere Diskriminierungsformen
  • Mobbing
  • Bodyshaming
  • Blut
  • Tod
  • etc.
     

Das lesen erfolgt auf eigene Verantwortung und wird nicht für Jugendliche und Kinder unter 18 Jahren empfohlen.

Entscheidung

Es ist dunkel. Nicht zu sagen stockfinster. Der Regel prasselt unaufhaltsam auf das Dach und jeder Tropfen klingt in der Stille der Nacht wie nicht enden wollende Schüsse aus einem Maschinengewehr. Der Donner, der irgendwo in der Ferne wie ein wütender Riese grollt, vertieft das Gefühl des Unbehagens. Blitze, die in Abständen den Himmel erhellen, sind das einzige Licht. Bedrohlich und warnend.
Ich selbst stehe nur da. Stumm. Reglos. Ein Schatten unter vielen.
Doch so ruhig ich äußerlich wirke, so aufgewühlt und stürmisch sind meine Gedanken. Sie schreien, wirbeln und fluten auf mich ein. Fordern mich auf, eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die mich und mein Leben verändert.
Wäre es leicht, stünde ich jetzt nicht hier in dieser arschfinsteren und gruseligen Nacht. Ich würde mir nicht die Haare raufen vor Verzweiflung, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen habe. Ob es womöglich falsch ist, hier zu sein.
Doch wenn ich so darüber nachdenke, habe ich schon viele fehlerhafte Entschlüsse getroffen. Hätte ich mich vor einigen Jahren nicht für diesen Weg entschieden, wäre mein Dasein möglicherweise leichter. Mag sein, dass ich einen 0-8-15-Job in einem langweiligen Büro hätte. Mit einer 0-8-15-Frau verheiratet wäre und mit 0-8-15-Kindern in einem öden Vorstadthaus leben würde.
Aber klingt das nach einem Leben, welches ich leben möchte? Jemand wie ich? Der seine ganze Existenz über nach seinen eigenen Regeln gespielt hat? Eiskalt und Rücksichtlos. Ohne Gefühle und erst Recht ohne Gewissen.
Und doch stehe ich jetzt hier. Zögere. Überlege. Zum allerersten Mal bin ich mir meinem Weg nicht sicher. Und warum zum Teufel?
Weil ich verdammt nochmal zum wirklich aller ersten Mal eine eigene Entscheidung treffe!
Bis heute habe ich mein Leben diktiert bekommen. Ich lebte nach einem Kodex. Dem Kodex meines Vaters. Er behauptete, nur so könnte ich mich und mein Verlangen kontrollieren. Aber wer wahrhaftig die Kontrolle hatte, war er. Er gab die Richtung vor. Wählte mein Ziel. Ich war nichts weiter als seine Marionette.
Und nun muss ich mich entscheiden. Zerschneide ich die Fäden oder spiele ich weiter nach seinen Regeln?
Ich betrete den Nachbarraum und blicke in das Gesicht meines Vaters. Es wird erhellt vom Kerzenschein. Dem einzigen Licht, in dem sonst völlig von Finsternis eingenommen Raum. Der goldene Schein verfängt sich in der Angst in seinen Augen und tanzt geradewegs mit den Dämonen in den meinen.
Ich trete näher, ziehe das Panzertape von seinem Mund. Schnell gnadenlos, wie ein Pflaster von einer alten Wunde. 
„Du machst einen Fehler.“ Diese Worte sagt er mir immer wieder, seit ich ihn betäubt und auf diese Barre gefesselt habe.
Ja, womöglich hat er recht. Wie immer? Aber liegt er tatsächlich richtig? Immer? Jedes verfluchte Mal? Er zwang mich, zu morden. Menschen zu knebeln und ihnen die Kehle durchzuschneiden. 
Es seien bösartige Menschen, sagte er mir. Ohne Moral, ohne Sinn für Gerechtigkeit. Und jedes einzelne Mal, war ich es, der das Messer in ihre Brust stieß oder die Hauptschlagader in ihrer Kehle durchschnitt, um zuzusehen, wie das Leben in einem dicken, roten Schwall aus ihnen wich. 
So friedvoll. 
Ein Lächeln legt sich um meine Lippen und noch bevor ich es selbst erkenne, realisiert mein Vater, dass ich eine Entscheidung getroffen habe. Die Angst in seinen Augen wandelt sich zu blanker Panik. Er zappelt und rüttelt an seinen Fesseln. Dabei weiß er genau, dass sie sich nicht lösen. Er war es, der mir gezeigt hat, wie man seine Opfer knebelt.
Dann stoße ich das Messer auf ihn herab. Akribisch in sein Herz. Die Klinge glitzert im Kerzenschein und dunkles Blut sickert aus der Wunde und wirkt fast schwarz im spärlichen Licht. 
Ich bin ein Monster und ich lasse mir keine Leine anlegen.

Aura

Die Dunkelheit hat mittlerweile jegliches Licht in sich aufgenommen und aus meiner Umgebung verbannt. Dies ist der Moment, in welchem die Finsternis der Nacht mit der Schwärze meiner Seele eins wird.
Es war nicht immer so. Meine Seele war hell, vibrierte in allen erdenklichen Farben und konnte jeden in ihren Bann ziehen. Sie strahlte, leuchtete, ebenso wie ich. Niedergeschlagenheit, Hass, Wut, solche Gefühle gab es in meiner Welt nicht.
Nicht, bis zu diesem einen Tag.
Ich war alleine unterwegs, sammelte Kräuter und Beeren und pflückte ein paar Blumen, um das Haus zu schmücken. Es war der Tag der Weihe. Meine jüngste Schwester hatte endlich das richtige Alter erreicht, um in den elitären Kreis unserer Macht aufgenommen zu werden. Alle waren da, niemand fehlte. Am Ende der Nacht wären wir alle vollwertige Anamras. Seelenleser.
Was das ist? Die Gabe, die Aura eines jeden zu sehen und tief in seine Seele zu blicken. Die Macht, das Böse aus den Seelen zu saugen und Frieden zu bringen. Trauer zu nehmen und Freude zu hinterlassen. Hass in Liebe und Güte zu verwandeln.
Als ich an jenem Tag zurückkehrte, schrie meine Seele bereits, noch bevor ich das kleine Haus inmitten des Waldes entdeckte. Pein, Schmerz, unsagbares Grauen erfüllte mich, ehe ich wusste, was geschehen war. Es konnte nur der blanke Horror sein, denn je näher ich dem Gebäude kam, desto bewusster wurde mir, dass ich die Auren meiner Familie nicht spürte.
Gehen wurde zu marschieren. Marschieren zu laufen. Und laufen zu rennen.
Ich keuchte, schwitzte und zitterte, als ich endlich mein Ziel erreichte. Die Tür stand weit offen. Fensterglas lag in Scherben und glitzerte im Licht der Sonne. Es wäre schön anzusehen, wie sich die zarten Lichtstrahlen in dem Glas verfingen und es schillern ließen, wären dort nicht diese roten Schlieren und Tropfen. 
Blut.
Binnen Sekunden stand ich im Haus und alles, was ich dann noch weiß ist, dass ich schrie und weinte. Beides gleichzeitig und vermutlich stundenlang, denn es war dunkel, als ich schließlich zu mir kam.
Sie waren Tod. Alle. Hingerichtet. Zerstückelt. Bestialisch ermordet.
Nun gibt es nur noch mich. Ich bin die Letzte meiner Art. Doch meine Seele leuchtet nicht mehr. Ihr Licht erstarb an jenem Tag. Ich fühle nichts und frage mich jeden Tag aufs Neue, was mich am Leben hält.
Aber irgendwas ist heute Nacht anders. Ein schwacher Impuls erhellt die Düsternis, doch er kommt nicht von der Natur. Es ist kein Blitz und kein Lichtstrahl, sondern etwas, dass sie lange Zeit nicht mehr wahrgenommen hat. Der spärliche Schein einer Aura.
Unmöglich.
Ich stapfe durch den Wald, bevor ich realisiere, dass meine Füße sich in Bewegung gesetzt haben. Der Impuls wird stärker, sein Leuchten intensiver. Und dann sehe ich ihn. Er steht nur da. So, als warte er auf mich.
Ein Lächeln teilt seine Lippen, kaum das ich näher komme. Eine Hand streckt sich mir entgegen und zögernd gehe ich weiter auf ihn zu.
Seine Seele vibriert, sie schreit, brüllt. Seine Aura ist dunkel. Schwarz wie Blut, sobald alles Licht erlöscht. 
Dann ergreife ich seine Hand und ein Pulsieren erfasst meinen Körper, schießt durch mich hindurch und lässt mich sehen, was er sieht. Bilder, die in seinem Kopf wohnen und Gedanken, die durch ihn hindurchbrausen prasseln auf mich ein.
Und zwischen dem Wirrwarr aus Blut, Tod, Hass, Gewalt, Bosheit und unfassbarer Trauer, erkenne ich, wer er ist. Oder besser, was er ist.
Er ist die Aura aus all den Substanzen, die meine Familie und ich über die Jahre aufgenommen haben. In ihm bündeln sich all die Emotionen, die wir anderen nahmen, um ihnen Glück und Frieden zu schenken. Wir haben ihn erschaffen.
Ich merke, wie sich meine dunkle Seele nach seiner verzehrt. Spüre, dass meine Finsternis von seiner erfasst wird. Und dann weiß ich, dass ich ihm erliegen werde.
Unser Streben nach Frieden und Glück für die Welt, hat uns vergessen lassen, dass es ohne das Böse, dass Gute nicht geben kann. Ohne Nacht, kein Tag. Ohne Dunkelheit, kein Licht. Ohne Trauer, keine Freude.
Wir lagen falsch. All die Jahre. Es liegt nicht in unserer Macht, die Erde und alle darin erretten zu wollen. Ein jeder ist für sich selbst und sein Schicksal verantwortlich. Und so ergebe ich mich dem Meinen und ihm und gemeinsam lösen wir uns auf. Werden zu einem Nebel, verbreiten uns und ziehen aus, als eine Aura unter vielen.
 

Auf der Suche

Ich sitze nur da, hänge meinen Gedanken nach und starre vor mich hin.
In meinem Kopf hinterfrage ich wie so oft alles. Mein Leben. Meine Herangehensweise an den Job. Mich selbst.
Ist es das, was ich will? Gefällt mir mein Leben wie es ist? Mache ich alles richtig? Mache ich womöglich Fehler? Wie lange will ich dem noch nachgehen? Kann ich mir denn überhaupt einen anderen Job vorstellen? Ein anderes Leben?
Ich bin, wer ich bin, habe mich nie beschwert. Weder über meine Wohnsituation noch über meinen Job oder flüchtige Bekannten. Ja, richtig gehört, flüchtige Bekannte und das ist schon das Maximum. Ich habe keine Freunde oder Familie. Ich bin Einzelgänger. War ich schon immer. Leute die mir zu nahe kommen und Dinge über mich und meine Gefühlswelt wissen wollen, sind mir suspekt. Freundliche Menschen noch viel mehr. Die haben Geheimnisse. Jeder einzelne von ihnen. Niemand ist immer nett. Lächelt und hilft, wo er kann. Das ist Bullshit.
Warum ich mir anmaße, das zu wissen? Naja, ich bin gegenüber anderen die Warmherzigkeit in Person, doch was in meinen verqueren Hirnzellen vor sich geht, ahnt niemand. Besser ist das. Man würde mich nur für verrückt halten. Durchgeknallt. Ein Psycho. Würde mich vermutlich irgendwo einsperren. In eine von diesen weißen, sterilen Zwangsjacken gehüllt.
Deshalb bleibe ich für mich, wann immer es möglich ist. Ich mag die Einsamkeit und vermisse so etwas wie Dates und Männerabende nicht. Frauen wollen eine Bindung, suchen etwas Echtes, Tiefes und wünschen sich Kinder. Kumpels behaupten, dich zu verstehen und in jeder Lebenslage für dich da zu sein. In Wahrheit fahnden sie nur nach jemanden, der mit ihnen um die Häuser zieht oder bei einem Umzug oder der Reparatur der alten schrottreifen Rostlaube hilft. 
Ich will das alles nicht. Verabscheue es. Es ist heuchlerisch. 
Du fragst dich, was die Heuchelei anderer von meiner eigenen unterscheidet?
Nun, meine endet, sobald ich mein Ziel erreicht habe. Und dieses Ziel heißt nicht, die in der Bar aufgegabelte, mit Make-up zugekleisterte Blondine ins Bett zu bekommen. Nein, mein Ziel ist komplexer. Anspruchsvoller.
Deshalb sitze ich hier und starre auf das, was einst war. Und nie wieder sein wird. In Einzelteilen liegt er vor mir. Sein schillerndes, rotes Blut läuft langsam durch den Abfluss der Badewanne, hinunter in den Kanal, bis es sich mit dem Wasser irgendeines Flusses oder Meeres vermischt.
Seine Überreste schaffe ich in die tiefen des weitläufigen Sumpfgebietes. Dort erwarten sie Fässer gefüllt mit Salzsäure. Und nach ein paar Tagen verfüttere ich das, was übrig ist an die Krokodile. 
Und während ich so dasitze und mein Werk betrachte, reißt mich das Summen meines Handys aus meinen Gedanken. Ich ziehe es aus der Hosentasche und blicke auf den Bildschirm. Eine SMS von meinem Boss. Ein Bild. Das Foto einer Frau. Schlank, Mitte dreißig, dunkelhaarig und irgendwie verbraucht. 
Mein nächstes Ziel. 
Und somit beginnt meine immerwährende Suche erneut.

Feuer

Die sengende Hitze hüllte mich in einen qualvollen Griff, der meinen Körper zu verbrennen und zu verformen drohte. Es war wie ein brennendes Fieber, das den nahen Tod ankündigte. Schweißperlen rannen mir über die Haut wie heißes Regenwasser und fraßen sich gierig in meine Kleidung, bis sie sich wie eine zweite Hülle an mich schmiegte. Strähnen meines langen Haares klebten mir wie ekelerregende Algen im Gesicht und legten sich umschlingend um die nackten Arme.
Der beißende, übelriechende Geruch des eigenen Schweißes kroch mir in die Nase, während sich langsam ein anderer, noch intensiverer Duft dazu mischte. Es war das Aroma von Verbranntem, eine seltsame Mischung aus Kohle und Asche und dem Geruch von Grillwurst.
Plötzlich riss ich die Augen auf und der Atem blieb mir im Hals stecken. Vor mir erstreckte sich eine erbarmungslose Feuerwand, die in einem rotorange leuchtete. Die ungeheuerliche Hitze, die sie ausstrahlte, ließ den Plastikrahmen der Deckenlampe schmelzen, Tropfen fielen auf den Boden herab. Flammen, die sich in verzerrten Wirbeln bewegten, züngelten über die Möbel und alles, was in ihrer Reichweite lag, wurde in Sekundenschnelle zu Asche. Eine entsetzliche Gewalt, die alles verschlang und mein Herz mit lähmender Angst erfüllte.
Dunkelheit hüllte das Zimmer ein, nur durchbrochen vom wütenden Schein des Feuers, das unaufhaltsam näher kam. Silhouetten tanzten in der erbitterten Feuerwalze, geisterhafte Gestalten inmitten des Infernos, und ich wagte kaum darüber nachzudenken, wen diese Umrisse zeichneten. Die Hitze durchdrang meine Haut, als wollte sie mich verzehren, und mit jedem Atemzug wurde die Luft dicker und unerträglicher.
Panik kroch durch meine Adern wie ein giftiges Gebräu. Das Herz schlug in einem wilden Rhythmus, als würde es jeden Moment zerspringen. Es hämmerte heftig gegen den Brustkorb, wie in einem verzweifelten Versuch, zu entkommen. Aber wohin sollte es, sollte ich fliehen? Die Flammen hatten den einzigen Ausgang versperrt und das Fenster hinter mir erschien wie ein rettender Stern in weiter Ferne. Das Zimmer lag vier Meter über dem gnadenlosen, harten Asphalt.
Meine Haut schien auszutrocknen, jede Pore wurde zur Wüste, und meine aufgesprungenen Lippen schmerzten bei jedem Atemzug. Es war, als würde ich über einem brennenden Lagerfeuer atmen und die Hitze gierig in die Lungen saugen.
Plötzlich durchzuckte mich ein Bild, ein schrecklicher Gedanke, der sich wie ein spitzer Dolch in das Herz bohrte. Meine Familie! Meine Eltern, meine kleine Schwester!
Wo waren sie? Das Schlafzimmer der Eltern lag am anderen Ende des langen Korridors. Weit weg und unerreichbar in diesem Alptraum aus Feuer. Die Gestalten, die ich gesehen hatte, waren sie ...? Ich wagte nicht, diesen Gedanken zu beenden. Die Worte wollten aus meinem Mund brechen, ich wollte sie rufen, aber die unerbittliche Hitze verschlug mir die Stimme.
Dann fiel mein Blick auf das Zimmer meiner Schwester, direkt neben meinem. Ein Durchgangszimmer, das uns verband, kein Flur der und trennte. Die Flammen hatten diesen Zugang noch nicht versperrt, aber die Zeit wurde knapp.
Mit jedem Herzschlag, der wild in meiner Brust pochte, spürte ich, wie sich lähmende Angst in mir ausbreitete. In dem Zimmer wüteten die Feuerzungen, ein infernalisches Höllenfeuer, das alles zu verschlingen drohte. Die Hitze, die von den züngelnden Flammen ausging, war erstickend, und in der Luft lag ein beißender, fast süßlicher Geruch von verbranntem Holz und Plastik.
Meine nackten, vom Adrenalin getriebenen Füße berührten den blauen Teppichboden, der unter meinen Sohlen nachzugeben schien. Jeder Schritt fühlte sich an, als liefe ich über glühende Kohlen. Ich zwang mich, weiter zu gehen, weg von diesem höllischen Inferno, das sich nun bis zu dem Bett ausbreitete.
Vor mir lag die schmale Tür, die unsere Zimmer trennte. Es war eine einfache Falttür, aber in diesem Moment fühlte sie sich wie eine massive Barriere an. Die Hitze hatte bereits begonnen, die Kunststoffeinfassung der Tür zum Schmelzen zu bringen. Meine Hände zitterten wild, als ich mich in das dünne Holz krallte und daran zog, als hinge mein Leben davon ab. Tränen liefen mir übers Gesicht, aber sie verdampften auf der Haut, bevor ich überhaupt merkte, dass ich weinte.
Endlich gab die Tür nach und ich drängte mich ins Nebenzimmer. Doch bevor ich auch nur einen Atemzug nehmen konnte, wurde der Eingang von einem rot glühenden Flammenmeer verschluckt. Die Welt um mich herum verschwamm in einem Strudel aus Grauen und Angst.
Mein Blick fiel auf meine Schwester, die in ihrem Bett lag. Ihr Körper glänzte, als wäre sie gerade aus der Badewanne gestiegen. Die blonden Haare klebten an ihrem Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen, sie schlief tief und fest. Sie ahnte nichts von der Katastrophe, die sich um uns herum abspielte, und von der unmittelbaren Lebensgefahr, in der wir schwebten.
In einem Akt verzweifelter Panik zerrte ich heftig an ihrem Arm, fast gewalttätig. Sie wurde beinahe aus dem Bett geschleudert, und ich schrie ihren Namen, als hätte ich die Kontrolle verloren. Ihre Augen sprangen auf, voller Verwirrung und Angst, und sie starrte mich fassungslos an. Worte wollten ihr über die Lippen kommen, doch sie blieben in ihrer Kehle stecken, erstickt von der surreal anmutenden Hölle um uns herum.
Ihr Blick fiel auf die Feuerwand, die sich unaufhaltsam durch die dünne hölzerne Falttür fraß und die Balken des Fachwerks schwarz färbte.
„Wir müssen hier raus!“, rief ich, aber meine Stimme klang nur wie ein heiseres Flüstern, während die Luft um uns herum trocken und drückend heiß war, als hätte sie all unsere Hoffnung aufgesogen.
„Wo sind Mama und Papa?“, schluchzte sie, Tränen kullerten über ihre roten Wangen und vermischten sich mit der Asche, die auf uns niederzuregnen schien.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich, meine Augen suchten verzweifelt nach einem Ausweg. „Wir können nicht zu ihnen, wir müssen hier raus.“ Ich griff nach ihrer zitternden Hand und zog sie mit mir zum Fenster. Meine Finger umklammerten den Metallgriff und ich stöhnte vor Schmerz. Der Knauf war heiß, nicht glühend, aber heiß genug, um meine Haut zu verbrennen. Blitzschnell griff ich nach hinten, nahm die rosa Wolldecke, die auf einem Stuhl lag, und wickelte sie um meine Hand, bevor ich das Fenster öffnete.
Die Läden waren geschlossen und ich stieß sie mit aller Kraft auf. Ein Schwall kühler Luft schlug mir entgegen, eine dringend benötigte Erleichterung inmitten des Infernos. Ich starrte nach draußen, der Boden schien unerreichbar. Doch wir hatten keine Wahl. Entweder wir sprangen und riskierten, uns alle Knochen zu brechen, oder wir blieben hier und ließen uns qualvoll von den Flammen verzehren.
Hinter mir schrie meine kleine Schwester. Panik hatte ihr Gesicht fest im Griff, ihre Worte gingen im Tosen des Feuers und ihrem eigenen lauten Schluchzen unter. Aber ich konnte jetzt keine Rücksicht nehmen. Die Zeit rann uns durch die Finger wie glühende Lava und wir mussten handeln, bevor es zu spät war.
Ich packte meine Schwester fest an den Armen, meine Finger krallten sich in ihre zarte Haut, als ich sie mit aller Kraft auf die steinerne Fensterbank hob. Ihre Hände klammerten sich verzweifelt in das dunkle Holz, ihre Fingernägel kratzten hilflos über die raue Oberfläche. Ihr Gesicht war vor Angst verzerrt, die Augen weit aufgerissen, als sie den Kopf schüttelte, um sich gegen das Kommende zu wehren. Ihre Lippen formten stumme Worte, flehten mich an, aufzuhören. Aber ich konnte keine Rücksicht nehmen, ich stieß sie hinab in die rettende Freiheit.
Ein Schrei zerriss die Stille. 
Ich saß aufrecht in meinem Bett, Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Herz hämmerte wild in meiner Brust. Mein Puls raste, als ich in die Dunkelheit des Kinderzimmers starrte, die sich um mich herum ausbreitete. Kein Flammenmeer, kein beißender Rauchgeruch, keine Schreie in der Luft. Es war ein Traum. Ein schrecklicher Alptraum. Einer, der mich seit Wochen immer wieder heimsuchte, mich quälte und meine Nächte zur Tortur machte. Mal mehr, mal weniger dramatisch, aber immer mit dieser grauenvollen Intensität.
Langsam beruhigte sich mein Herzschlag, aber die Erinnerung an den Traum verblasste nur widerwillig. Ich atmete tief durch und versuchte, das Grauen und die Angst abzuschütteln, die mich noch immer überkam.
Plötzlich wurde die Tür des Zimmers aufgerissen, ein quietschendes Geräusch hallte durch den Raum. Meine Mama stand im Kinderzimmer, nur in ihr Nachthemd gekleidet, ihre Haare wirkten wirr und ungepflegt. Panik durchzog ihre blauen Augen und ihr Atem ging schnell und flach. Hinter ihr, im Flur, flackerte ein seltsames Licht, warf unheimliche Schatten an die Wände und verbreitete eine unheilvolle Atmosphäre. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken, und mein Herz setzte für einen Moment aus, als ich mich fragte, ob ich noch immer in meinem Albtraum gefangen war.
„Steh auf! Raus aus dem Haus! Raus aus dem Hof, über die Straße!“, schrie sie, und ihre Stimme durchdrang meine noch schlaftrunkene Verwirrung. Sie stürmte in das Zimmer meiner kleinen Schwester, und ich war wie gelähmt vor Unverständnis. Ich träumte sicher noch.
Dann durchbrach eine ohrenbetäubende Sirene die Stille. Es war der vertraute Feueralarm, der das Dorf seit Monaten immer wieder aus dem Schlaf riss. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, während ich mich fragte, welcher Hof diesmal betroffen war und wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie den rätselhaften Brandstifter fanden, der hier schon so lange sein Unwesen trieb.
Mit meiner kleinen Schwester auf dem Arm kam meine Mutter in zurück in das Zimmer, die Augen voller Angst und Entschlossenheit. Sie packte mich grob an der Schulter und schüttelte mich. „Was machst du noch hier?! Wir müssen raus!“
Sie riss mich aus dem Bett und ich stand da, nur mit Unterhose und Unterhemd bekleidet, als sie mich vor sich her in den Flur schob, in Richtung Haustür. Die Tür stand bereits weit offen, und von draußen drangen panische Stimmen herein. Ein seltsames orangefarbenes Flackern erhellte die Dunkelheit.
Barfuß betrat ich den Hof und sofort umfing mich eine sengende Hitze. Mein Blick schweifte zu den beiden alten Scheunen, die den Hof auf einer Seite begrenzten und sich zu den Gärten hin öffneten. Doch was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Meterhohe Flammen schlugen aus den Gebäuden und verzerrten alles auf ihrem zerstörerischen Weg.
Meine Gedanken waren ein Chaos aus Angst und Entsetzen, als mir bewusst wurde, dass unsere Welt in diesem Alptraum aus Feuer und Panik unterzugehen drohte.
Schreie drangen an mein Ohr, durchbrachen mein Gemüt mit einer intensiven Kälte des Grauens. Es waren keine gewöhnlichen Schreie, sondern markerschütternde Töne, wie ich sie noch nie in meinem Leben gehört hatte. Jeder Laut zerriss mir das Herz und verschlang meine Seele vor Qual, während er sich gnadenlos in meine Trommelfelle brannte. Es waren die Schreie der unschuldigen Kreaturen, der Schweine und Hühner, die in diesem lodernden Inferno gefangen waren. Ihre Schmerzenslaute zerrten an meinen Nerven und ließen mich zittern.
In der Ferne sah ich, wie mein Papa und der Nachbar verzweifelt nach einem weg suchten, die eingesperrten Tiere zu befreien. Aber die Flammen, diese höllischen Zungen des Verderbens, hielten sie auf Abstand und ließen keinen Raum für Rettung. Todesschreie hallten über den Hof, zerrissen die Nacht und verhallten schließlich in den dunklen Wolken, wo ihre armen Seelen hoffentlich Erlösung fanden.
Plötzlich packte mich eine eiserne Hand am Arm und riss mich aus meiner Starre. Hastig zerrte mich die Nachbarin über die Straße auf den angrenzenden Bürgersteig. Dort stand ich wie erstarrt und blickte in das schreckliche Flammenmeer. Die gequälten Schreie drangen in mein Bewusstsein und neben den lodernden Flammen sah ich die Reste von Asche und verkohlten Holz. Der beißende Geruch von verbranntem Gefieder und rohem Fleisch stieg mir in die Nase und verursachte Übelkeit. Ich spürte, wie mir die Tränen unaufhaltsam die Wangen hinunterliefen und begriff, dass ich völlig machtlos war.
Und während in der Ferne das Blaulicht der Martinshörner ertönte und sich langsam näherte, hatten sich die schrecklichen Schreie und der grausame Gestank bereits tief in meine Erinnerung eingegraben. Sie waren ein Teil von mir geworden, den ich nie vergessen würde, eine unheilvolle Melodie des Grauens, die mein Herz für immer heimsuchen würde.
 

Stille

Der schwere Regen peitscht unaufhörlich auf mich nieder, als hätte der Himmel alle Pforten geöffnet, um den Zorn der Götter auf die Erde niederprasseln zu lassen. Die Dunkelheit ist so undurchdringlich, dass ich nicht einmal sagen kann, ob der Tag bereits in die Nacht übergegangen ist oder ob irgendwo hinter den dichten, pechschwarzen Wolken die Sonne auf ihre Befreiung wartet.
Menschen hasten an mir vorbei, in einem hektischen und unermüdlichen Versuch, sich vor der tosenden Nässe in Sicherheit zu bringen. Sie rempeln und schubsen mich an, verstecken sich unter ihren Schirmen und Kapuzen oder suchen verzweifelt nach etwas, das ihnen Schutz bietet. Ihre Blicke, die von Mitleid bis Verachtung reichen, durchbohren meine Seele.
Meine Kleidung ist innerhalb weniger Minuten durchnässt, meine Schuhe versinken in den immer tiefer werdenden Pfützen auf der Straße. Blitze zucken über den Himmel, stumme Boten des Unheils in dieser kalten, dunklen Umgebung.
Schließlich führt mich mein Weg in die Tiefe einer U-Bahn-Station. Ich bin nicht allein. Dicht an dicht drängen sich die Leute an den schmutzigen, mit Graffiti besprühten Wänden. Der beißende Geruch von Unrat steigt mir unangenehm in die Nase und ich frage mich, ob es eine gute Idee war, ausgerechnet hier Schutz zu suchen.
Niemand beachtet mich. Ich schaue in Gesichter, deren Münder stumme Worte formen, doch ihre Augen erzählen eine andere Wahrheit. Das Wasser bahnt sich in kleinen Rinnsalen seinen Weg die Treppe hinunter und sammelt sich um meine Knöchel. Es steigt unaufhörlich.
Ich sehe die Angst im Antlitz der unzähligen Fremden, doch ich höre ihre stummen Klagen nicht. Einige Menschen bahnen sich einen Weg zurück auf die Straße, starren schweigend in die Dunkelheit und dann wieder hinunter zur Bahnstation. Sie rufen etwas, aber ich höre nichts.
Immer mehr einst Schutzsuchende drängen nun nach oben, schieben und drücken unbarmherzig. Ich werde gegen die kalte, raue Wand gedrückt, mein Kopf schlägt hart gegen den Stein. Doch das Geräusch versinkt in der Stille. Ich stehe jetzt bis zu den Knien im Quell des Lebens.
Stumme Tränen mischen sich mit dem Regen, der aus meinen Haaren perlt. Leise Gebete werden gesprochen, während das Wasser bis zu meinen Hüften steigt. Aus dem kleinen Rinnsal ist eine reißende Bestie geworden, die unabwendbar zu einem alles verschlingenden Ungeheuer wächst. Es zupft an mir, versucht, mich in die Dunkelheit des Bahnschachtes zu zerren.
Ich kann die Schreie der Menschen um mich herum nicht hören, die allmählich lauter werden. Ich kann überhaupt nichts hören - weder den grollenden Donner, noch das ohrenbetäubende Rauschen des Wassers.
Schließlich breite ich meine Arme aus und gebe mich dem tobenden Monstrum hin. Es dauert nur Sekunden, bis es mich mit seiner eisigen Kälte umfängt. Mein lautloser Schrei wird von seiner Liebkosung erstickt. Die Stille wird unendlich und ewig, und ich verliere mich in ihr, während die Welt um mich herum in Dunkelheit und Verzweiflung versinkt.
 

Freitag, der 13. Oktober

Die Dunkelheit legt sich wie ein erstickendes Tuch über die Welt, als der Freitagabend anbricht - eine Zeit, die normalerweise von Vorfreude und ausgelassener Feierstimmung erfüllt ist. Doch heute fühle ich etwas anderes. Etwas, das meinen Puls zum Rasen bringt und meine Gedanken einhüllt. Es ist der 13. Oktober, dieser verfluchte Freitag, der 13. Oktober.
Bin ich abergläubisch? Nein, ganz und gar nicht. Mein Problem ist nicht das Datum an sich, sondern die unheilvolle Allianz aus Wochentag, Datum und vor allem dem Ort des Geschehens. Ein seit Ewigkeiten verlassenes Militärgelände, das heute zum Schauplatz unseres Vergnügens wird.
An jedem anderen Freitag im Oktober oder in jedem anderen Monat hätte ich keine Bedenken, diesen Ort für unsere hedonistischen Ausschweifungen zu nutzen. Aber dieses Areal hat einen düsteren Ruf. Es ist ein Ort, an dem rätselhaftes Verschwinden, unerklärliche Selbstmorde und grausame Massaker ihre makabre Heimat gefunden haben. Immer an einem Freitag, dem 13. Oktober.
Dennoch ist das Gelände nicht abgeriegelt oder unzugänglich. Ein schmiedeeiserner Zaun, so verwittert wie die Seelen derer, die hier einst ihr Leben gelassen haben, umgibt das verfluchte Grundstück. Doch jeder, der sich auskennt, weiß, dass man sich nur ein wenig in den dichten Wald hineinschleichen muss, um einen verborgenen Durchgang zu finden.
Niemand außerhalb des Areals wird je erfahren, dass sich mitten auf diesen Dutzenden Hektar verfluchter Erde eine wilde, unwirkliche Party abspielt. Wir sind die Ahnungslosen, die, obwohl sie wissen, dass dieser Ort von blutigen Schatten heimgesucht wird, sich mutig in die Dunkelheit stürzen, um einen Freitagabend zu feiern, der in dieser Teufelsnacht niemals stattfinden sollte.
„Komm schon, Liv, verdammt, hör auf zu grübeln und lebe für einen Moment!“ Die Stimme meiner besten Freundin geht im dröhnenden Beat fast unter und der Alkohol hat bereits begonnen, ihre Augen glasig schimmern zu lassen.
„Ich fühle mich nicht gut. Ich muss raus“, hauche ich, während die ohrenbetäubende Musik meine Worte verschluckt. Hastig schleiche ich aus dem verlassenen Hangar, bevor jemand auf die Idee kommt, mich auf die Tanzfläche zu zerren.
Draußen schlägt mir der kühle Atem der Nacht entgegen. Ein trüber Herbsthimmel verdeckt die meisten Sterne, nur vereinzelte Fackeln leuchten mir den Weg. Schemenhaft sind die Umrisse anderer Partygäste zu erkennen, die in kleinen Gruppen stehen, trinken, rauchen und tuscheln.
Ich beschließe, ein paar Schritte zu gehen, vorsichtig, nur auf den halbwegs befestigten Wegen. Ich brauche Abstand von diesem wilden Treiben, um herauszufinden, ob ich überhaupt bleiben will. Vielleicht wäre es das Beste, einfach abzuhauen.
Aber ist es klug, Stef und die anderen hier zu lassen? Was, wenn in den dunklen Wäldern rund um die alten Bunker wirklich etwas lauert? Auf der anderen Seite sind hier bestimmt hundert Menschen versammelt. So viele kann ein Einzelner niemals überwältigen, geschweige denn brutal ermorden, entführen oder in den Wahnsinn treiben.
Die Kälte kriecht mir in die Knochen und meine Schritte hallen durch die Stille, die von unheimlichen Schatten durchzogen wird. Niemand wird mir zuhören, das weiß ich nur zu gut. Selbst Stef hat meine warnenden Worte mit einem verächtlichen Lachen erstickt und mich als verrückt und weinerlich abgetan. Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht sind all die schrecklichen Ereignisse, bloß seltsame Zufälle oder wilde Geschichten.
Meine Gedanken sind in dunkle Abgründe versunken, als mir plötzlich bewusst wird, wie weit ich mich von der Halle und dem Fest entfernt habe. Ein Fluch entweicht meinen Lippen. Das war selten dämlich, das gebe ich zu. Panik packt mich, als ich mich abrupt umdrehe und hastig den Rückweg antrete.
Der Wald hat sich verändert, ist in Nebel gehüllt, dichte Schwaden kriechen kniehoch über den verrotteten Boden. Die Stille, die ich vorher nicht wahrgenommen habe, umhüllt mich wie ein Leichentuch. Jeder Atemzug wird zu einem beklemmenden Flüstern in meinen Ohren und meine Haut beginnt zu kribbeln, als würden mich tausend unsichtbare Augen beobachten.
Ich beschleunige meine Schritte, fast ein verzweifeltes Rennen durch die Dunkelheit. Das Gebüsch raschelt, Zweige brechen, und mein Herz rast, als wollte es zerspringen. Warum höre ich keine Musik? Wie kann ich so weit von der Party entfernt sein?
Und plötzlich erscheinen die Umrisse des Hangers vor meinen Augen. Die Fackeln, einst lebendige Flammen, sind erloschen, die wilden Partylichter im Innern flackern nur noch schwach. Bedrückende Stille umhüllt das Areal, keine fröhlichen Menschen, keine ekstatischen Laute, nur das dumpfe Pochen meines eigenen Herzens. Wie kann das sein? Ich war noch keine Stunde weg. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ob die Polizei die Party aufgelöst hat?
Meine Schritte sind langsam, unregelmäßig, das Herz rast wild in meiner Brust. Jeder Schritt klingt wie das Donnergrollen eines nahenden Gewitters. Doch plötzlich, ohne Vorwarnung, trete ich auf etwas, eine klebrige Pfütze. Ich zögere einen Moment, will weitergehen, da trifft mich das Unfassbare wie ein Schlag in die Magengrube. Seit einer Woche hat es nicht mehr geregnet.
Zögernd senke ich den Blick auf meine Turnschuhe, die in einer riesigen, dunklen Lache versinken. Aber das ist kein gewöhnliches Wasser. Diese Flüssigkeit wirkt zäh und träge, als sei sie den Albträumen der Hölle entsprungen. Ein finsterer Gedanke drängt sich in mein Bewusstsein, ich kämpfe dagegen an, ihn auszusprechen, aber er nagt an mir wie ein teuflisches Geheimnis.
Mit zitternden Schritten bahne ich mir den Weg zum Eingang. Unter meinen Füßen fließt die dunkle Pfütze, die mich wie ein morbider, blutroter Teppich begleitet. Bei einer der Fackeln sehe ich einen dicken Ast - glaube ich zumindest. Doch je näher ich komme, desto schrecklicher wird die Wahrheit: Auf dem Boden thront ein blutüberströmter Beinstumpf. Ein erschreckendes Bild, das meinen Magen mit eisernen Krallen umklammert und unbarmherzig zusammenzieht.
Übelkeit steigt in mir auf, ein widerlicher Geschmack von Metall und Angst quält meinen Gaumen. Verzweifelt versuche ich, den Brechreiz zu unterdrücken, doch es gelingt mir nicht und ich muss mich vor Ekel und Entsetzen übergeben.
Nach dem schrecklichen Akt der Entleerung spüre ich, wie jede Faser meines Körpers nach Flucht schreit. Doch tief in mir kämpft die Pflicht gegen die panische Angst. Ich kann Stef hier nicht allein lassen. Was ist, wenn sie sich irgendwo in der Dunkelheit des Hangars versteckt, umgeben von der düsteren Brutalität, die sich hier entfaltet hat?
Trotz Angst und Qual kratze ich den letzten Funken Mut aus meinen Tiefen und wage mich auf den riesigen Eingang zu. Schon von weitem dringt ein grässliches Schmatzen an mein Ohr, ein so widerwärtiges Geräusch, dass es mir erneut den Magen zusammenzieht. Doch diesmal gelingt es mir, die Übelkeit zu überwinden.
Als ich schließlich auf der Schwelle stehe, überkommt mich eine unkontrollierbare Welle des Schreckens. Mein ganzer Körper rebelliert, schreit nach Flucht, doch meine Beine sind wie in unbarmherzigen Zement gegossen, und ich kann mich nicht bewegen.
Das Bild, das sich mir offenbart, ist jenseits jeder Vorstellung von Grauen. Die Halle gleicht einem Ort des ultimativen Albtraums. Die Leichen der Partygäste liegen brutal zerschmettert und entstellt wie Totholz aufgestapelt. Blut bedeckt jeden Zentimeter des Bodens und ziert die einst so makellose Haut dieser Unglücklichen. Ihre leeren Augenhöhlen starren wild durcheinander, als ob sie die letzten Momente des entsetzlichen Gemetzels nicht vergessen können. Das stroboskopische Licht, welches die Szene durchzuckt, taucht sie in ein unheilvolles, dämonisches Flackern.
Und dann erblicke ich ES. Inmitten des Berges aus Leichen thront eine Kreatur, die jede Beschreibung in den Schatten stellt. Ihre Erscheinung ist eine Verzerrung dessen, was einst menschlich war. Schwarz, pechschwarz, mit langen Klauen, die wie Dämonenkrallen aus ihren Händen ragen. Die Ohren sind spitz und unverhältnismäßig groß, fast wie die eines verstörten Elfen aus einem finsteren Märchen. Doch das Schrecklichste sind ihre weiß leuchtenden Fangzähne, die in dem flackernden Licht wie der Tod selbst glänzen. Sie sind tief eingedrungen in das Fleisch eines abgerissenen Oberarms, und der Anblick ist so makaber und grausam, dass mir der Atem stockt.
Ein erstickter Schrei entweicht meiner Kehle, und die Kreatur dreht langsam ihren furchterregenden Kopf in meine Richtung. Seine gelben Augen, die vor unheimlicher Intensität glühen, durchbohren mich, während sein Antlitz sich neigt, als besäße er die verdrehte Anmut einer Katze.
Ein markerschütternder, wahnsinniger Schrei zerreißt die Dunkelheit, und ich versuche, meine Beine in Bewegung zu setzen, doch bevor meine Füße den Boden wieder erreichen, packt mich das Grauen mit unbeschreiblicher Gewalt und donnert mich auf den Asphalt. Im Nu sitzt es auf mir, seine langen Beine wie unheilvolle Wurzeln rechts und links neben meiner Hüfte verankert. Ein blutiger Speichelfaden zieht sich von seinen gierigen Lippen.
In einem grausamen Akt der Gewalt und Macht schlägt es seine schrecklichen Krallen in meine Brust, reißt meine Rippen auseinander, als wären sie die zähen Seiten eines uralten Buches. Ihre schattenhaften Finger graben sich in meine Eingeweide und reißen mein wild pochendes Herz heraus, Symbol meiner letzten verzweifelten Lebenskraft. In diesem endlosen Augenblick des Schreckens, während ich meinen letzten Atemzug mache, brennt sich dieses groteske Bild in meine Netzhaut ein. Begleitet mich auf meinem letzten Weg in die Finsternis des Todes, wo Grauen und Qual zu meinen einzigen Begleitern werden.
 

Happy New Year

Die Mitternachtsglocken verkündeten das Ende und den Beginn zugleich. 0:00 Uhr - das alte Jahr reichte dem neuen die Hand, Verbundenheit für einen flüchtigen Moment. Alt traf auf Neu. Was war, lag im Nebel des Vergessens, denn ein frisches Kapitel entfaltete sich vor den Augen der Welt.
Die Straßen pulsierten vor Leben, ein kaleidoskopisches Feuerwerk aus Freude und Aufbruch. Die Musik dröhnte, Wünsche wurden in die Dunkelheit gerufen, bunte Lichter tanzten am schwarzen Firmament. Küsse und Umarmungen wurden großzügig verteilt, als würde die Welt aufhören zu existieren und neu erschaffen.
Ein neues Jahr, eine neue Seite im Buch des Lebens. Und doch fühlte es sich gleich an. Beständig. Mein Lachen klang hohl, die Freude erreichte nicht die Tiefen meiner Augen. Ich feierte, und doch war ich allein. Inmitten des Trubels herrschte Stille in meinem Kopf. Wünsche wurden weitergegeben, aber meine Gedanken hingen in einer melancholischen Leere.
Die Lichter am Himmel strahlten zu grell, zu laut für meine inneren Schatten. Dennoch heuchelte ich Begeisterung. Ich empfing Umarmungen und Küsse, doch die Liebe und Wärme erreichten nicht mein Herz, das von unsichtbaren Fesseln umschlungen schien.
Ich war allein inmitten von Menschen, einsam in der Menge. Eine traurige Melodie hallte durch meine Gedanken. Ich blätterte die Seite um, schlug das neue Kapitel auf, aber es war identisch mit dem zuvor: Leere.
 

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